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Marisa Bock mit vier, Manfred Zwiener mit zwei Schleifen
Berlin - Karlshorst / 15.01.2010

»Pferd des Jahres 2009« Edith M gleich wieder vorn / Live and let die lebt auf zum Sieg / Ocean AL revanchiert sich an Distant Thunder / Stimmungsvolle Championatsehrung

(mw) Karlshorst, Freitag, 15. Januar 2010. Draußen ein Wuhlheider »Eiskeller«, im großen Saal der Tribüne überaus warmer, für einige Aktive sogar begeisterter Applaus - das könnte als Motto über der durch zahlreiche vorherige Verzögerungen zügig und ohne große Umwege nach der siebenten Prüfung von Uwe John moderierten Ehrung der Karlshorster Primi des Jahres 2009 stehen. Jener der Zweibeinigen wohlgemerkt, denn die Vierbeiner waren schon ein paar Stunden vorher dran und blieben natürlich auf dem Geläuf.

Was da dekoriert wurde, konnte sich deutschlandweit durchaus sehen lassen: 15 Siege auf einer Bahn - das hat auch in HVT-Deutschland außer Edith M niemand geschafft, doch dass die Stute der Karlshorster Ur-Besitzerin Dr. Ragna Rathsack dennoch lange um den Titel des »Karlshorster Pferd des Jahres 2009« feilschen musste, hatte einen Namen: Bentley Sun. Der Riemekasten-Trotter gewann in der Wuhlheide all seine 14 Auftritte, legte »außerhalb« noch vier Lorbeeren drauf und wurde mit 18 Siegen bei ebenso vielen Starts und somit einer perfekten Saison zu Deutschlands Bestem, was die Saisonsiege 2009 anbetrifft - zum zweiten Mal nach 2008 übrigens. Hatte der HVT schlichtweg nur vergessen, dass zum Trabrennsport auch vierbeinige Heroen gehören? Auf der großen Hamburger Gala der Meister ihrer Fächer am Samstag/Sonntag (9./10. Januar) wurde der Bentley mit dem großen Motor, sprich Herzen mit keiner Silbe erwähnt. So holte der Pferdesportpark das an der Alster Versäumte liebend gern nach, und das war Wasser auf die Mühlen der gebeutelten Karlshorster bzw. Traberliga-Fans, die Marisa und ihr Paradepferd entsprechend kräftig feierten.

Die 29jährige, die den mächtigen Braunen seit Anfang zweijährig bemuttert (»Er ist immer wieder ins Wachstum gekommen, darum hat er oft ausgesetzt, damit er in Ruhe ausreifen konnte. Diese Geduld zahlt er uns jetzt doppelt und dreifach zurück.«), ließ sich auf Fragen nach dem Versuch, die Rekordserie eines Bodyguard of Spain mit 37 Siegen am Stück zu knacken, nicht aus der Reserve locken: »Ich versuche, diese Marke aus meinem Gedächtnis zu streichen. Natürlich ist der Druck ganz schön groß, zumal mich die Fans immer wieder darauf ansprechen. Ich will meinen Job nur so gut wie möglich erledigen und schaue von Rennen zu Rennen. Klar, irgendwann wird auch Bentley mal bezwungen, aber die Welt geht dann davon sicher nicht unter. Dazu hat uns dieses tolle Pferd einfach zu viel Spaß bereitet.« Bentley Sun, der auch den größten Anteil am Karlshorster Besitzerchampionat von Ernst Riemekasten hat - der Unternehmer aus Dreieich bei Frankfurt/Main war nicht vor Ort, sondern ließ sich von seinem »Angestellten für Pferde« Thorsten Tietz vertreten -, wird demnächst in einem Hamburger Satteltraben engagiert sein. Dass Edith M nach wie vor bestens drauf ist, bewies die Stute mit ihrem Sieg im »höheren« Amateurfahren, das sie aus der zeitig eingenommenen Pole Position beherrschte wie sie wollte und damit Trainersohn Sebastian Gläser bereits den dritten Saisonerfolg bei den Hobbyisten bescherte. »Bei den Profis werde ich nicht mitmischen - dafür habe ich einen Fahrer im Stall, der ein ganzes Stück besser ist als ich«, hatte der 23jährige auf Nachfrage des Moderators die Lacher auf seiner Seite, womit er natürlich Vater Andreas meinte.

Auch Marisa Bock zeigte allen, dass sie in der noch jungen  Saison den Hammer wieder weit oben aufzuhängen gedenkt. Schon vom Papier her sah es ganz nach einem Tag für die kecke Norddeutsche aus, die denn zügig Nägel mit Köpfen machte und die Soiree mit einem lupenreinen Hattrick eröffnete. Mit Zico Buitenzorg erdrückte sie den führenden Mad Simoni, dem die Spitze nach Patriot Titans Galoppeinlage im zweiten Bogen in den Schoß fiel, fast schon spielerisch und verschaffte dem »fliegenden Holländer« aus dem Besitz ihrer Großeltern das vierte Ding am Stück. Mit Ernst Riemekastens Dancer Joy legte sie vor der Tribüne eine ganz kesse Sohle aufs Parkett, knöpfte trotz harter Gegenwehr Christian RM im zweiten Bogen das Kommando ab und ließ sich durch dessen Konterversuch im Einlauf zu keiner Phase in ernste Verlegenheit bringen. Anschließend war Volker Riedigers Neuerwerbung Eau Rouge, ein deutscher Fuchs, der bislang überwiegend in Holland seinem Hafererwerb nachgegangen war, Start-Ziel eine Macht. Danach musste selbst eine Powerfrau wie Marisa eine schöpferische Siegpause einlegen, aus der sie im abschließenden Trabreiten mit Aplomb zurückkam. Zweimal war der Franzose Quildy Yacom in einem Monté bereits engagiert, beide Male konnte er nicht überzeugen, doch wenn sich die Karlshorster und deutsche Trabreiten-Meisterin für ihn und gegen den schon in diesem Metier siegreichen Vernon Boko entscheidet, dann wird das seine Gründe haben. Erstaunlich, dass der Sohn des einst in jungen Jahren gleichfalls überaus erfolgreich unter dem Sattel geprüften doppelten Euro-Millionärs Jardy für stolze 51:10 auf eine Reise ging, die schon am Start gegen die Pferde des zweiten Bandes entschieden war. Hatten die nur geträumt, oder hatte das erste Band tatsächlich in breiter Front »geklaut«? Es roch jedenfalls stark nach Fehlstart, Umbra Houberg & Co kamen statt geplanter 20 eher 40 bis 50 Meter hinter dem vorderen Quintett in die Gänge, was beim anspruchsvollen Tempo nicht mal ansatzweise aufzuholen war. Marisa Bock verarztete eine Runde vor Schluss den führenden Dr. Buntschuh mit einem energischen Zwischenspurt derart gründlich, dass der dabei nur mit Mühe im Rhythmus blieb - das war’s dann auch schon mit dem vierten Tageserfolg der hungrigen Neu-Zossenerin, der ihr mit acht Siegen momentan Platz 1 in der deutschen Profi-Liste bescherte.

Bei all diesen Rössern zeichnet Roman Matzky als Übungsleiter verantwortlich, der bei der Ehrung zum Karlshorster Trainerchampion klipp und klar herausstrich, dass er nur stellvertretend für all jene auf dem Podest stehe, die dazu ein kleines oder auch großes Scherflein beigetragen haben: »So ein Championat ist nie Sache eines einzelnen. Jeder, der in meinem Stall irgendetwas mit den Pferden zu tun hat, hat seinen Anteil daran«, wobei er mit einem Augenzwinkern seinen Vater grüßte: »Der kommt jeden Tag aus Berlin nach Schöneiche, um viele Pferde durch die Wälder rund um unser Quartier zu joggen, obwohl er längst schon ein ruhiges Rentnerdasein genießen könnte.« Eine deutliche Lanze brach der 46jährige für Karlshorst: »Ohne den Pferdesportpark, in dem unsere Pfleglinge 66 Rennen gewonnen haben, wäre der bundesdeutsche Titel, den wir ja auch noch geholt haben (mit 101 Zählern/Anm.d.Rd.), gar nicht möglich gewesen.«

Bei soviel Matzky-Bock-Power wollte Karlshorsts alter und neuer Profimeister Manfred Zwiener nicht zurückstehen, doch bekam er heute gezeigt, wie schwer die neuerliche Titelverteidigung werden könnte. Der kapriziöse Blade Runner verkniff sich am Abend der Honneurs jeden falschen Schritt, schien für das schneeige Geläuf wie geboren (Zwiener: »Ein Hoch auf die Bahnarbeiter, die das Geläuf bei Dauerfrost und reichlich Schnee als Winterbahn, für die man sich natürlich einiges am Beschlag einfallen lassen muss, prima hinbekommen haben. Danke!«), zermalmte den führenden Holly Rage regelrecht und zog zum Sieg in Tagesbestzeit voll durch, als ob er gar nicht wüsste, wie Galoppsprünge aussähen. Bezahlt machte sich, dass Zwiener bei der Ehrung kurz angebunden war: »Ich muss Chameur fürs nächste Rennen aufwärmen. Er ist ein schwieriger Bursche, für den ich vorm Rennen immer ein bisschen mehr Zeit einkalkulieren muss. Doch Xerax wird wohl nicht zu bezwingen sein.« Im letzten Punkt irrte der 53jährige. Chameur, wie versprochen verhalten vom Start gebracht, machte nach einer Runde ein mächtiges Fass auf bzw. nahm sich den Leader Xerax richtig zur Brust, hatte schon im Schlussbogen deutlich die Nase vorn und zog einem völlig souveränen Volltreffer entgegen.

Was vom Siegtisch übrig bleibt, ist rasch erzählt: Live and let die, schon zuletzt mit deutlichem Ansatz, nahm durch die Todesspur Mon Amie Simoni auseinander und feierte nach 14 vergeblichen, teilweise desolat ausgefallenen Anläufen ihren ersten Sieg - vielleicht hat André Schiller für die feurige Italienerin jetzt den Stein der Traberweisen gefunden. Ocean AL, wie beim Start zuvor sofort in Front geschmettert, wurde unterwegs nie angegriffen, und weil sich Distant Thunder diesmal den Weg über die Außenspur selbst bahnen musste, hatte er am Ende nicht mehr die nötige Power, um den Tschechen und Benjamin Hagen noch aus der Bahn zum Sieg zu kippen. Seinen kürzlichen Mariendorfer Ehrenplatz hatte Magnifique Simoni wegen einer Behinderung ersatzlos hergeben müssen - die Rache folgte auf dem Karlshorster Fuß. Michael Hamann versteckte den Dänen geschickt im inneren Mittelfeld, bugsierte ihn an der letzten Ecke auf die freie Bahn der dritten Spur - und dass der General November-Sohn  einen gehörigen Speedstrich gehen kann, hat er ja mehrmals schon bewiesen. Favorit Ygor Victory jedenfalls, an dem sich auch noch die zähe Blueberry Pie vorbeiraufte, hatte nicht den Hauch einer Chance, dem Sturmschritt von »danish dynamite« Einhalt zu bieten. Umsatz: 53.631,- Euro (incl. 37.338,- Euro Außenwette)